#3 | 2019
SYN] Magazin
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Die Kunst der Ergonomie

Ergonomie

Gute Ergonomie — der heimliche Star hinter dem Wirtschaftserfolg?

„Good Ergonomics is good Economics!"
H.W. Hendrick


Ergonomie gehört zu jenen Begriffen, die wir wie selbstverständlich in unseren Wortschatz aufgenommen haben, ohne genauer darüber nachzudenken. Ergonomie ist eine relativ junge Wissenschaft, die Erkenntnisse aus hauptsächlich drei Disziplinen vereint: Humanwissenschaft, Arbeitswissenschaft und Produktionswissenschaft. Konkret stellt sie sich die Frage, wie ein Arbeitsplatz gestaltet sein muss, um eine perfekte Symbiose aus Mensch und Arbeitsmitteln (hierzu gehören auch Maschinen und Werkzeuge) herzustellen. Auch die Inhalte der Arbeit, das allgemeine Umfeld am Arbeitsplatz und die Organisation sind wichtige Aspekte, die für eine gute Ergonomie berücksichtigt werden müssen. Die körperliche und geistige Gesundheit steht dabei immer klar im Vordergrund.

Produktergonomie vs. Produktionsergonomie

In der Praxis unterscheiden wir zwischen Produktergonomie (benutzergerechte Gebrauchsgegenstände) und Produktionsergonomie. Letztere hat menschengerechte Arbeitsplätze für eine ergonomiegerechte Fertigung und Montage zum Ziel. Belastungen sollen reduziert und die Leistungsabgabe optimiert werden. Während in der Produktergonomie lediglich Variablen menschlicher Eigenschaften für eine unbekannte Anwendergruppe betrachtet werden, sind die Mitarbeiter in der Produktion meist bekannt, sodass auch individuelle Bedürfnisse berücksichtigt werden können.

Warum ist Ergonomie wichtig?

Der demographische Wandel unserer Gesellschaft ist längst auch in der Fertigung angekommen. Nicht nur im Büro, sondern auch hier spielt Ergonomie eine immer wichtigere Rolle, denn falsches Arbeiten kann auf Dauer krank machen. Unter extremer Bewegungsarmut wird der Körper oft in eine Haltung gezwungen, die alles andere als natürlich ist. Der Körper passt sich mit der Zeit daran an. Neben der Arbeitsposition sind auch externe Einflüsse wie Gewicht und Reaktionskräfte des Werkzeugs, Wiederholungen und Dauer der Tätigkeit sowie Erholungszeiten wesentliche Risikofaktoren für gesundheitliche Folgen wie Rücken- und Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen und letztlich eine deutliche Leistungsminderung der Mitarbeiter.

Immer mehr Unternehmen berücksichtigen, dass arbeitsbedingte Erkrankungen viel Geld kosten können; nicht nur für die Rehabilitation der erkrankten Mitarbeiter, sondern auch für verloren gegangene Produktivität und für Qualitätsprobleme, die auf Arbeitsplätze mit schlechter Ergonomie zurückzuführen sind. Es wurden Studien veröffentlicht, die darauf hinweisen, dass diese Kosten häufig um ein Vielfaches höher sind als die direkten Kosten für Vorbeugung und Rehabilitation. Inzwischen wurden daher auch verschiedene Ergonomie-Richtlinien aufgestellt, zu deren Einhaltung der Arbeitgeber sogar per Gesetz verpflichtet wird.

53 Milliarden Euro für erkrankte Beschäftigte 

Der langjährige Trend zu steigenden Fehlzeiten in Deutschland geht weiter: Die Unternehmen mussten im Jahr 2017 schätzungsweise 53 Milliarden Euro an Gehältern für kranke Mitarbeiter zahlen, im Jahr 2006 waren es nur gut 25 Milliarden Euro. Die Lohnfortzahlungen im Krankheitsfall haben sich binnen zehn Jahren also mehr als verdoppelt. Ein Grund hierfür ist, dass in Deutschland heute mehr Menschen arbeiten als je zuvor und auch länger arbeiten als frühere Generationen. 

Die Zahl der Muskel- und Skeletterkrankungen ist statistisch dabei sehr hoch und führend im Ranking der Hauptleiden. Mit zunehmendem Alter sinkt die körperliche Leistungsfähigkeit und Ausfälle durch Verschleiß steigen stark an. Daher ist es nicht verwunderlich, dass ältere Beschäftigte durchschnittlich länger ausfallen als jüngere Kolleginnen und Kollegen, die wiederum häufiger krankgeschrieben werden.


Ausfallkosten und Fehler reduzieren

Die Aufgabe von Ergonomie in der Fertigung ist die individuelle Gestaltung von Montageablauf, Tätigkeiten, Arbeitsplätzen und Arbeitsmitteln im verketteten Montagesystem, um den Anforderungen des demografischen Wandels, der Produktivität und der Kundenorientierung zu genügen. Die Reduktion ergonomischer Belastung am Arbeitsplatz birgt auch wirtschaftlich enormes Potenzial zur Kostenoptimierung und Qualitätssteigerung. Professor Dr. Lars Fritzsche, Fachbereichsleiter „Ergonomie“ bei der imk automotive GmbH, hat in einer Studie zur Entwicklung von Ausfalldauer und Fehlern in der Montage bei Mercedes-Benz herausgefunden, dass sowohl die Ausfalldauer bei Krankheit als auch die Fehler pro Mitarbeiter mit steigender Ergonomie sinken. Ergonomie hilft also nachweislich, sowohl den Ausfall qualifizierter Mitarbeiter zu minimieren als auch die Qualität der Arbeit zu steigern. Ergonomie sorgt somit für eine messbare Amortisation im zweistelligen Prozentbereich. Arbeitsplätze und Arbeitsabläufe sind daher so zu gestalten, dass die Bediener weder unnötigen physischen Belastungen durch Vibrationen noch unnötigem Lärm oder Staub ausgesetzt werden. Bei Handwerkzeugen spielt Ergonomie eine besondere Rolle, weil hier eine direkte Verbindung zwischen Bediener und Arbeitsprozess besteht.



Ergonomie 4.0

Der Weg, die großen Ziele der Ergonomie zu erreichen, ist kein leichter. Generell stehen Unternehmen vor entscheidenden Herausforderungen durch aktuelle Trends und Entwicklungen:

1. Digitalisierung, „Industrie 4.0“ und „Big Data“: Steigende Datenflut, Variantenanzahl und Komplexität in der Fertigung.

2. Neue Systeme zur Datenerfassung: Motion Capturing, Wearables, Virtual & Augmented Reality, Sensorsysteme, etc.

3. Neue Technologien und Assistenzsysteme wie Mensch-Roboter Kollaboration (MRK), Exoskelette, etc.

4. Verschärfung der demographischen Entwicklung: Zunahme der Alterung bis 2050, mehr „Leistungsgewandelte“ Mitarbeiter, steigende Diversität.


Unternehmen, die sich diesen Herausforderungen vorausschauend annehmen und Innovationen sinnvoll in die Produkt- und Prozessgestaltung integrieren, profitieren in mehrfacher Hinsicht und langfristig von ergonomischen Optimierungen. Ausfall- und Betriebskosten werden drastisch reduziert, während die Mitarbeitergesundheit und -motivation steigen. Die Qualitätssteigerung fördert die Produktivität und eine nachhaltige Kundenzufriedenheit und Kundenbindung.

Pioniere der Ergonomie

Atlas Copco hat seine Verantwortung als Hersteller schon früh erkannt und startete bereits vor über 60 Jahren mit seinem Ergonomie-Programm für Industriewerkzeuge. Seit 1958 haben wir konsequent eine spezialisierte Abteilung mit erfahrenen Industriedesignern und Ergonomie- Experten aufgebaut, die eng mit unseren Kunden und namhaften Universitäten weltweit kooperiert. Rund sechs Prozent des Konzernumsatzes reinvestiert Atlas Copco jährlich in Forschung. Das Team begleitet den gesamten Prozess der Produktentwicklung im Konzern, führt intern und extern Schulungen durch und arbeitet intensiv an internationalen Forschungsprojekten mit. Unsere Experten sitzen unter anderem auch im CEN- und ISO-Normenausschuss. Sie sind also stets auf dem neuesten Stand der rechtlichen Anforderungen und gestalten die Standards der Zukunft aktiv mit. Besonders im Bereich der Vibrationsstandards übernehmen unsere Experten eine führende Rolle. Die rechtlichen Vorgaben stellen für Atlas Copco jedoch nur den Minimumstandard für die Produktentwicklung dar, denn oft haben unsere Kunden höhere Anforderungen an die Werkzeuge als offiziell vorgeschrieben. Daher evaluieren unsere Ergonomie-Experten bereits im ersten Schritt die Erfahrungen und Arbeitsabläufe vor Ort beim Kunden, um deren spezifische Bedürfnisse anschließend zielführend in die Beratung der Industriedesigner und die tatsächliche Produktentwicklung einfließen zu lassen.

Die 7 Faktoren der Ergonomie

Unser Anspruch ist es, moderne ergonomische Produkte zu entwickeln, die einen erheblichen Mehrwert für die Produktivität, Qualität und Arbeitsumgebung unserer Kunden darstellen. Die Werkzeuge sind so zu gestalten, dass sie eine möglichst hohe Leistung bei geringem Eigengewicht abgeben. Die Konstruktion von Elektrowerkzeugen stützen wir daher maßgeblich auf die sieben Faktoren der Ergonomie:



Gute Ergonomie…

verbessert die Qualität, indem Ungenauigkeiten bei der Arbeit verringert werden, die durch Ermüdung und schlechter Zugänglichkeit entstehen,

• reduziert Ausfallkosten, die durch körperliche Überlastung und daraus resultierende Muskel- und Skeletterkrankungen verursacht werden,

• erhöht die Flexibilität durch die Bereitstellung von mehr geeigneten Arbeitsplätzen für Ältere, Frauen und einsatzeingeschränkte Mitarbeiter,

steigert die Wertschöpfung durch die Reduktion von unnötigen Bewegungen (Beugen, Drehen, etc.) und prozessbedingter Verschwendung,

verstärkt die Motivation und Zufriedenheit der Mitarbeiter, ihre Bindung zum Unternehmen und die Arbeitgeberattraktivität für Fachpersonal.


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